Donauwalzer III

31/12/2011

Nachdem Elfriede Grineiderl bei ihrem Franzl abgeblitzt ist („Geh Schatzerl“, hat er g’sagt, „i hob’ do grad g’essn!“), zieht sie das Fräulein Anna-Maria Stachel auf die Tanzfläche im Pensionistenvereinslokal. Weihnachtsfeier! Lichterketten hängen glitzernd an den Wänden, die Damen sind schön gewandet und die Herren wohlwollend. „Fesch haben‘s das hergerichtet, gell“, sagt das Fräulein Anna-Maria zur Elfriede, die „ja, eh“ sagt und sich wieder der Aufgabe widmet, die Freundin auf den Donauwalzer einzurichten. Weil der müsste jetzt kommen, wenn das ihre Dings ist, also ihre „CD“, oder wie, die da grad gespielt wird, und hoffentlich geht der Herr Gustav   v o r s i c h t i g   damit um, letztes Jahr hat der Herr Gustav eine zerkratzt und danach musste sie das Ding polieren, und dann ist gar nichts mehr gegangen, und deswegen vertraue sie dem Herrn Gustav nicht mehr so richtig. Sagt sie in einem Atemzug und arrangiert gleichzeitig Arme, Beine und Hüften der Anna-Maria. Dann holt sie Luft. „Ich führe, Annerl.“ „Links oder rechts?“ „Das wirst schon merk’n, Mauserl.“

Das Mauserl pariert und schließt die Augen. „So ist’s brav“, kommentiert Elfriede, „lass dich fallen.“ Sie wirft einen letzten Blick auf den verdauenden Franzl. Die anderen erwartungsfrohen Paare schauen zum Gustl. Johann Strauß schwebt durch den Saal und hebt das Dirigentenstaberl, die ersten Wogen wogen, Kunstseidenblusen knistern, Elfriede festigt den Griff und Anna-Maria stöhnt ein bisserl. „Ned so fest, Friederl.“ „Entschuldige, Annerl, ich vergess’ immer, was du für zarte Hände hast.“

Man walzt durch die Weihnachtsdekoration. Das Fräulein hat die Augen immer noch geschlossen und singt leise mit, von schön und blau und Tal und Au, vom silbernen Band und den fröhlichen Herzen. Während sie sich so singend treiben lässt, führt Elfriede Grineiderl und denkt sich ihren Teil. ‘Ein Mysterium ist die Anna-Maria. Hat sie die Augen offen, fallt sie über die eigenen Füß’ und trifft keinen Ton. Kaum macht sie die Augen zu, tanzt‘s wie ein Afferl und singt wie eine Lerche.’ Elfriede legt den Kopf schief und schaut die Freundin an. Besonders der leichte Flaum über der Oberlippe hat es ihr angetan. ‘Am liebsten würde ich ihr dorthin ein Busserl geben’, denkt sie. Und schreckt sich. ‘Was denkst denn da, Elfriede, also sowas.’ Sie schaut schnell weg, aber, der Flaum, dieses Pelzchen, zwingt ihren Blick. ‘Das ist sicher ganz weich’, kommt ihr in den Sinn.

Ausgerechnet in dem Moment nimmt die Freundin, das Lercherl, das Afferl, das Mauserl, eine Walzerkurve mit zu viel Schwung und kollidiert hüftweise mit Elfriede. Ein Schauer rieselt in lang schon brachliegendes Gelände, in unbeackerte Felder (der Franzl verdaut noch immer), ein Zwirbeln kringelt sich die Wirbelsäule empor und ein kleiner Muskel zuckt verschämt am Grund des Ozeans. „Ach“, seufzt Elfriede Grineiderl, worauf die Anna-Maria die Lider hebt und sich Aug’ in Aug’ im vertrauten Gesicht der Freundin wiederfindet, das sich dem ihren stark genähert hat mit einem Blick, also, der Blick, das ist ja … „Elfriede“, flüstert sie, und „ja“, flüstert die andere und dann versteht die eine und die Härchen über der Lippe beben ein wenig. „Ach, Friederl“, seufzt jetzt auch Anna-Maria, schmiegt sich in die Kunstseide, schiebt die Brust ein wenig hin, ein wenig her, der Stoff reibt sich elektrisch durch den Komfort-BH, der Griff der einen wird fester, die Beine der anderen weicher, das Schnaufen, das Ahnen, das Tanzen, das Wogen, das Sehnen, das Wissen, die Möglichkeiten, die sich da auftun, ein Taumel erfasst die Freundinnen, aber nur im Ansatz, weil, der Walzer ist aus, der Herr Gustav hat schon wieder noch im letzten Takt auf die Stopptaste gedrückt, der Banause.

„Ein Kunstmensch ist das nicht“, sagt die Elfriede und lässt nicht los, und „nein“, sagt die Anna-Maria und lächelt fein, und lässt auch nicht los, erst ein bisserl später lassen sie voneinander, den Bruchteil einer Sekunde spät genug, dass rundherum keiner was merkt, aber die beiden Bescheid wissen übereinand’ mit letzter Sicherheit. Und während sich der Franzl aufstoßend an die Brust klopft, flüstert Elfriede: „So ein schönes Weihnachten.“ Und Anna-Maria flüstert zurück, sich mit dem Finger über das flaumige Pelzchen streichelnd: „Wart‘ bis zur Bescherung.“ Leiser Schauer, auf beiden Seiten.

Bild: Oskar Stocker

Vor dem Fenster zwei Vögel. Der eine fast tot, er ist durch das Glas geflogen und hat seinen Körper zurückgelassen. Wuchtig gebrochenes Genick. Ein Bersten, ein Knall. Ein Klang. Ich sehe auf, als ich das Sterben höre, schaue durch das Fenster auf das Zurückgelassene. Dünne Knochen, braunweiße Federn, schwarze Punkte im geneigten Kopf, das sind die Augen, ohne Blick. Aus der weichen Form hebt sich ein Rest Leben, die Absicht, von hier nach dort zu fliegen, zurück auf den Zaun, zum Strauch im dämmernden Garten. Ich rühre mich nicht. Der zweite Vogel wandert auf und ab, bleibt stehen, betrachtet den anderen. Kehrt um, steht wieder. Still ist es. Allein der Tod werkt vor sich hin. Er gefriert im winzigen Geflecht der Adern, verzuckt knisternd im nussgroßen Hirn. In zentimeterlangen Muskeln. Da draußen stirbt etwas und verliert sich im Ausmaß, in dem seine Wärme vergeht. Daneben der andere Vogel sieht zu und weiß und weiß nicht, dann ist es ausgestanden und einer allein. Ich sehe weg und wieder hin. Das Fensterbrett ist leer, bis auf das Zurückgelassene.

gestreutes licht

17/11/2011

weiche nacht, gestreutes licht. die luft halte ich an.  greife so, einfach so hinein mit meinem blick in diese, weißt du. in diese weiche nacht, in dieses gestreute licht. in die farben hinein. über dem fluss lila, ganz weit. und grün und rot. ich kann es nicht sagen. ganz weit. von unten tiefes lila nach oben, dann ohne übergang ins schwarz. darüber, mitten im schwarz, neon und schriften im himmel hängend, wo sie nicht hingehören. und selber? steh da mit offenem mund den nebel einatmend und einsaugend. ein wenig greife ich danach. nur ein wenig, ein klein, ja, ein klein. dann die andere straße mit diesem lichtbogen aus gold und gelb und hell in ihrer mitte. ein sich verstreuendes, verwischtes leuchten bis ans ende, wohin der blick nicht reicht. ein dach gefunkelt im ganz winzigsten funkeln. über rauchgleichem nebel hinsinkend und herabsinkend in mein haar. auf mein gesicht, auf den aufsteigenden atem. in den absteigenden atem sinkend, in mich hinein. wie ein mond darüber die bodenlose lampe, alles so fern und alles so unsagbar. ich wandere unter diesem klingenden tuch aus weicher nacht und gestreutem licht, groß ist mein glück. unfassbar greift es nach mir. und fasst mich.

zuhause, ich schlafe und wache auf, es ist dunkel. die nacht drückt ihr gesicht ans fenster. im morgengrauen kommt der tag, er nimmt die schlafende nacht in den arm, die kalt und klar geworden ist. er trägt sie fort. dann ist er fremd und fern.

Donauwalzer II

02/09/2011

Frau Jedlicek und Frau Otto tanzen. Frau Elberich und Frau Gertrude, niemand weiß ihren Nachnamen, tanzen auch. Frau Singer schwingt mit der Frau vom Pastor über das Pfarrsaalparkett, der Pastor selbst sitzt mit dem Pfarrer an der Bar. Dahinter steht die Irmi vom Schlachter Josef, das jüngste seiner drei Mädchen. “Vier”, sagt der Schlachter Josef. Ein Fleischfächer, denkt der prosaisch angehauchte Pfarrer angesichts der vier dicken Schlachter-Finger, mit denen ihm der Josef vor der Nase wachelt. “Ah, vier sind’s”, sagt der Pfarrer, und der Josef rülpst, bevor er meint: “Musst es ja wissen, hast’s ja tauft.” Dann, zur Irmi: “Geh, gib ma noch a Bier.” Irmi folgt.

Derweil zupft Frau Edeltraud Ploderl schüchtern am Ärmel vom Herrn Pastor. “Gehn’s, mögen’s nicht tanzen, Herr Pastor? Ich hätt’ a Freud’ und der Herr im Himmel sicher auch, bei so einer schönen Musik!” Der Pastor schüttelt sich sanft die Ploderl vom Ärmel, zeigt auf sein volles Glas. “Später”, sagt er, “nicht bös’ sein.” Eh nicht bös’ wippt die Ploderl auf ihren Zehenspitzen, nach einem anderen Opfer ausspähend, im Dreivierteltakt, und im Takt wippt auch der mächtige Schnauzer von Pepi Glitter, der den Donauwalzer in die Bontempi hämmert. Der Schweiß tritt ihm auf die Stirn. “Ein ganz ein Fitter, dieser Glitter!”, ruft Frau Jedlicek, und der Großteil der walzenden Damen denkt synchron, dass sie es ja wohl wissen müsse. Frau Gertrude steuert ihrerseits mit Frau Elberich Richtung Alleinunterhalter und parkt ihre Tanzpartnerin geschickt reversierend zwischen Keyboard und rechter Lautsprecherbox, auf der ein halb geleertes Glas weißer Spritzer vibriert und ein Packerl Smart abzustürzen droht. “Hearst”, schreit sie, Frau Elberich immer weiter schwenkend, “de Donau is a ruhiger Strom, ka Gebirgsbacherl!” Der sich an den Tasten abrackernde, im Hauptberuf als Josef Auinger bei der Bahn tätige Pepi Glitter blinzelt. Ihm rinnt der Schweiß in die Augen, aber die Hände kleben am Walzer, was soll man machen. Die Frau hat was gesagt, denkt er, verstanden hat er nix. Vorsichtshalber zwinkert er ihr zu, weil, fesch ist sie ja. “Net zwinkern, obagehn vom Tempo soist, Depperta!” Frau Gertrude ist empört, Frau Eberhart nutzt die Gunst der Sekunde und übernimmt die Führung. “Komm, Gertrutscherl”, und weg sind die beiden. Zurück bleibt ein zitternder Schnauzbart und eine Donau mit schneller Strömung.

“Wer is’n die eigentlich?”, fragt der Pastor den Pfarrer. Der wischt mit dem Finger über den Rand des Bierglases und folgt dem Blick des ökumenischen Kollegen. “Das ist die Gertrude, die ist auf Besuch bei der Jedlicek. Ich mein”, sagt er und nimmt einen Schluck, “bei der Frau Jedlicek.” Dann zeigt er mit dem Kinn in Richtung Pepi Glitter: “Schau mal, die Ploderl hast auch anbracht.” Der Pastor folgt nun seinerseits dem Blick des anderen. “Ich mein”, sagt der Pfarrer, “die Frau Ploderl.” “Der Herr wird’s richten”, sagt der Pastor und beide lachen.

Und wirklich wippt die Ploderl nun neben dem Musiker auf und ab, der in einem Affentempo dem Schwarzen Meer zusteuert, wie Frau Gertrude der Jedlicek versichert: “Boid is er ankommen.” “Machen Sie sich Ihnen nichts draus, Herr Glitter!” Der schweißbeperlte Schnauzer schwenkt Richtung Ploderl, die Finger jagen über die Tasten. Lang halt i das nimmer aus, denkt Pepi Glitter und die Ploderl denkt auch, dass er das nimmer lang aushalten wird, und sagt, um ihn zu trösten, und weil sie die Frau Gertrude, die Trutschen, eh nicht mag: “Die hat ja keine Ahnung von Musik und vom Strauß auch nicht! Und überhaupt, die Donau war zur Zeit vom Strauß noch gar nicht reguliert.”

Am Tisch daneben liegen sich der Pfarrer und der Pastor vor Lachen weinend in den Armen, die Stimmung steigt ins Unermessliche, der Walzer tobt durch den Raum, die Damen schnaufen und kreischen, Frau Ploderl wippt und dann, Schlussakkord. Glitter greift nach seinem weißen Spritzer und den Tschick. “Pause”, sagt er. Und geht ab.

im zimmer

01/09/2011

geeist verreist versteinert. ein stab durch die mitte in den boden getrieben, an dem häng ich oder hängt er an mir. im dunklen eck vom dunklen zimmer. ineinander in sich, ineinander in mich verschachtelt, verdreht, verkeilt, verschränkt. verloren, verloren. verlier dich, sagt das große, verlier dich. dann schwindet am ende die dichte. im kleinsten. im kleinsten partikel verschwindet die dichte. im kleinsten drängt sich das milliardentausendfach im dunklen eck im dunklen zimmer, form mit angezogenen knien, das gesicht erhoben raus zum fenster den blick gehen lassen, zum orangen licht vor den finsteren bäumen, darunter nichts, darüber nichts aber. aber ich. wellen nach außen, wellen nach innen, ein, aus, in diesen kern, in diese weite, immer wieder. atmen. in diesen dichten kern, in diese weiche leere, diese weiche leere.

von unten

29/08/2011

von unten, eferdinger augustnacht (c) peschka

von unten, eferdinger augustnacht

Donauwalzer I

22/08/2011

Frau Rot und Frau Devot tanzen Donauwalzer. Frau Rot führt, Frau Devot gibt sich hin. Sie versucht nicht mehr, dem großen Busen von Frau Rot auszuweichen. “Ach”, sagt Frau Rot, dreht sich und die andere schwungvoll im Kreis, “man spürt Sie kaum, Elisabeth, Sie sind ja eine Feder, ja, eine Feder sind Sie!” Die Feder lächelt und summt zur Musik, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Parkett wird weit, der Boden glatt, die Luft ist so geschwängert, wie Luft geschwängert sein kann und Elisabeth weiß gar nicht, womit. Der Reif an ihrer linken Hand, grüner Smaragd in ziseliertem Silber, klappert gegen Frau Rots Perlenarmband. Sie walzen durch den Saal. Am Orchester vorbei. Der erste Geiger zwinkert, einer der Bratschisten schüttelt den Kopf, die Harfenistin verzupft sich. Vorbei an den weißen Tischen und den besamteten Stühlen, vorbei an Honoratioren und feinen Damen, vorbei an Kellnern in Frack und Handschuhen. “Was ist ein Fernando-Botero-Weib?”, fragt einer den anderen.

Das ist kein Hintern, das ist ein Arsch, denkt Herr Devot und räuspert sich, als das üppige Leben mit seiner Frau im Schlepptau auch an ihm vorbeizieht. “Wie meinen?” Herr Rot beugt sich zu seinem Freund, das Tischlein ächzt unter der Last seiner aufgestützten Hand. “Äh, ich meine nur, Sie wissen, Eugen”, hilflos dreht Devot am Rotweinglas, “äh”. “Ja, ja, genau”, stimmt Rot zu, der nichts verstanden hat, aber der Frau vom Devot ins Rückendekolleté starrt, als gäbe es kein Morgen. So eine Eleganz. Hingegen die seine. Na, lassen wir das, denkt er und rückt sich dezent den Schritt zurecht.

“Huch!”, ein kleiner Aufruhr im Gewoge der tanzenden Paare, man brandet gemeinschaftlich gegen einen Felsen im roten Seidenkleid. Frau Rot und Frau Devot bücken sich nach dem silbergrünen Smaragdreif, der vom Handgelenk gerutscht ist und in kreiselnder Bewegung einen eigenen Tanz aufführt. Im Bücken geht Frau Rots mächtiger Hintern auf wie die Sonne über Capri. Herr Devot seufzt. “Den hat sie von ihrer Mutter”, sagt er. Rot nickt zustimmend und will schon fragen, woher Devot die Mutter seiner Frau kennt, da kommt er drauf: Nicht der Arsch ist gemeint, sondern der Armreif. “Schönes Stück”, sagt Rot, “eine Spur zu groß vielleicht. Könnte man kleiner machen.” “Sehr schönes Stück”, sagt Devot, ganz in den Anblick der Capri-Sonne versunken, und: “Bloß nicht, wär’ ewig schad’.” Rot reißt sich aus der Rückansicht der Devotschen Gemahlin: “Wie meinen?” Worauf der andere die Augen senkt, sich einen Flusen vom Hosenbein streift, schnaubt, zum Glas greift und meint: “Ein Erbstück, lieber Freund, der Armreif. Ein Erbstück. Prost.”

Die Damen walzen weiter, die Männer stoßen an.

von unten

25/07/2011

von unten, burgenland (c) Karin Peschka, 2011

von unten, burgenland

 

Rekontra

09/05/2011

Vier Herren sitzen am gewohnten Tisch im Café Sperl, im hinteren Eck, gleich an der getafelten Holzwand. Ein Schleier aus blauem Rauch schwebt über den Köpfen, Sonne scheint durch die Fenster. Herr Em rückt ein wenig nach rechts, weil vom Licht geblendet. Tausend Staubpartikel tanzen ihm fröhlich um die Nase. Em niest. Die Runde ergeht sich in Gesundheitswünschen. „Du hast ja einen Glorienschein, Em“, meint der Herr zu seiner Linken, und alle lachen. Nur Em nicht, er wischt sich die Nase, schaut streng und sagt: „Du sollst nicht reden, Radinger, du sollst reizen.“ Radinger stiert in seine Karten und reizt. „Pass“, sagt Hofrat Luber, der neben Radinger sitzt, die Lippen schürzt und mit dem Schnurrbart wackelt. Auch der Vierte am Tisch passt, übrigens ein sehr dicker Mann mit hochrotem Gesicht, er heißt Engelbert Zartfuß.

Jetzt wäre Em wieder an der Reihe, und Zartfuß, der ihm in die Karten spechtelt, sieht, dass dieser kontern könnte. Tut er aber nicht. Em schaut zur Schank, wo die Ober hin und her flitzen und kleine, ovale Silbertabletts mit Melange-Tassen, Wassergläsern und Zuckerstreuern zwischen den Tischen jonglieren. Dabei müssen sie elegant ausufernden Damen ausweichen, die mit großen Gesten freien Plätzen zustreben. Wie die eine hier, die sich gerade umdreht und nach der Freundin ruft: „Komm, Lotte, da hinten ist noch ein Platzerl frei!“, dabei mit dem den Weg weisenden Arm, an dem die Tasche baumelt, fast den Ober abschießt. Em zuckt zusammen. Der Ober reißt schlingernd den Kaffee in die Höhe, balanciert, sich nach hinten beugend, das Tablett mit der fragilen Fracht über japanischen Touristen, die wie auf Kommando die Köpfe einziehen. Em hält den Atem an und zieht die Schultern zurück. Den Rumpf unnatürlich nach hinten verzogen, den Arm über den Japanern schwenkend wie eine böse Verheißung, begrüßt der Ober die Damen mit eleganter Mimik, ein feines Lächeln im leicht geneigten Gesicht: „Grüssie, gnä’ Frau, gleich bin ich bei Ihnen, Madame, ein winziges Momenterl! Nehmen’s Platz, dauert nicht lang.“ Die Damen ziehen vorüber, die hohen Nasen drücken ihr Wohlwollen aus, der Ober verbeugt sich abschließend unmerklich, und Herr Em, fasziniert, tut es ihm gleich: Er verbeugt sich unbewusst und lächelt seinerseits fein. Seinen Bridge-Kollegen entgeht diese subtile Metamorphose in ihrem Rücken. Sie waren Ems Blicken gefolgt, nachdem er weder passen noch kontern wollte. Radinger und Luber sehen dem Jonglierakt zu, Zartfuß bewundert das wohlgefüllte Dekolleté der nun endlich sitzenden Damen.

„Kontra“, sagt Em und seufzt. Die anderen drehen sich wieder zum Tisch. „Der Herr Edmund ist heut‘ gar nicht da“, stellt Hofrat Luber fest und meint damit den Ober, der Em vor den Bridge-Runden zur Melange immer „Die Presse“ serviert. Radinger nickt: „Und das bei dem Betrieb.“ Zartfuß studiert sein Blatt und murmelt, ganz beiläufig, man hat ihm schließlich noch immer nicht sein Achterl Roten gebracht: „Vielleicht könnten’s a Aushüf brauchen.“ Worauf es Em in den Beinen zu jucken beginnt. Ihm kommt der verwegene Gedanke, aufzustehen, am Nachbartisch die Gläser abzuräumen, und dort hinten die jungen Leute haben ja auch noch nichts bestellt, und dem Zartfuß fehlt der Rote … Er streckt sich im Sitzen in die Höhe, überblickt die Lage, schwelgt kurz in der Vorstellung … und antwortet dann doch auf die Frage, welche Farbe nun Trumpf sei. „Pik“, sagt Em und spielt aus. Zuhause richtet Emilie gerade das Abendbrot. Danach ein wenig fernsehen und ins Bett. Dann ist wieder ein Tag vorbei, an dem Em zwar schlafen geht, aber nicht müde ist. Und wenn doch, dann nur vom Müdesein an sich. “Rekontra”, schlägt Radinger vor.

Blind Date

28/03/2011

F: …
H: Guten Tag.
F: …
H: Guten Tag.
F: …
H: Ähem.
F: Entschuldigen Sie.
H: Gerne. Was?
F: Was, ‘was’?
H: Sie meinten: ‘Entschuldigen Sie.’ Was soll ich entschuldigen?
F: Sie sind ein Hund.
H: Ja.
F: …
H: Dafür entschuldige ich mich.
F: Nein.
H: Obwohl, eigentlich kann ich ja nichts …
F: Nein.
H: Was, ‘nein’?
F: Nein, das ist nicht, äh, das kann man nicht …
H: Wie meinen?
F: Ich rechnete nur nicht damit.
H: Womit?
F: Mit Ihnen.
H: Eigenartig. Wir hatten das doch vereinbart.
F: Was?
H: Das Treffen.
F: Ja.
H: Aber?
F: Sie sind ein Hund.
H: Das erwähnten Sie bereits.
F: Ja.
H: …
F: …
H: Mich erstaunt das jetzt etwas.
F: Was?
H: Dass Sie erstaunt sind.
F: Ich hatte keine Ahnung.
H: …
F: Ich meine …
H: Ich habe Ihnen ein aktuelles Bild geschickt.
F: Ich dachte …
H: Sie wollten ein Erkennungszeichen.
F: Ich dachte, der Hund wäre das.
H: …
F: Das Erkennungszeichen.
H: Ich bin der Hund.
F: Ja.
H: Deswegen auch der Treffpunkt.
F: Verstehe.
H: Hundefreundliches Restaurant.
F: Ja.
H: Und nun?
F: Sie hätten das sagen sollen.
H: Ich habe es nie verschwiegen.
F: Aber gesagt auch nicht.
H: Wäre im Benutzerprofil das Feld ‘Gattung’ vorgesehen, hätte ich ‘Hund’ angegeben.
F: So.
H: Ja.
F: …
H: Meine Angaben sind natürlich wahrheitsgemäß. Ich lüge nicht. Sie wissen ja.
F: Was?
H: Was, ‘was’?
F: Was weiß ich?
H: Hunde tun sich generell schwer beim Lügen.
F: …
H: Schmale Hüften, breiter Brustkorb.
F: Stimmt.
H: Eingedrückte Nase.
F: Auch das stimmt.
H: Woran dachten Sie bei den ‘kupierten Ohren’ unter ‘besondere Kennzeichen’?
F: Punk.
H: Ah ja.
F: Mein letzter Freund hatte angeschliffene Eckzähne.
H: Ich mag keine Punks.
F: Er war so ein Gothik-Typ.
H: Die sind so chaotisch.
F: …
H: …
F: …
H: Bei mir ist noch was anderes kupiert.
F: Ja.
H: Ich bin kinderlieb.
F: Unter Beruf haben Sie “Boxer” angegeben.
H: Boxer sind kinderlieb.
F: …
H: Und bewegungsfreudig.
F: …
H: Warum schauen Sie so?
F: Ich hab das noch nie gesehen.
H: Was?
F: Einen Hund, der grinst.
H: Boxer können das.
F: Dreckig grinst.
H: Möpse auch, aber nicht so gut.
F: …
H: Ich würde Sie gerne beschnüffeln. Darf ich?
F: Also ich …
H: Ich habe einen Stammbaum.
F: Wirklich? Schön. Also ich …
H: Mein Zuchtname ist ‘Edler von Offenbach-Tanndorf’.
F: Schön. Also ich …
H: …
F: Also ich geh dann.
H: Darf ich?
F: Was?
H: Schnüffeln.
F: Nein!
H: Aber Sie drehen sich ja ohnehin um.
F: Unterstehen Sie sich!
H: Schon gut.
F: Auf Wiedersehen.
H: Wer’s glaubt.
F: Was?
H: Von wegen: ‘Auf Wiedersehen.’
F: …
H: Auf Wiedersehen.

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